Frauen und patriarchale Kultur

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Frauenrechte und patriarchale Kultur

«Frauen treffen auf viele Herausforderungen. Teils resultieren diese direkt aus traditionellen Vorstellungen unserer Gemeinschaft und aus patriarchalen Strukturen. Teils werden sie durch diese Strukturen erst zugespitzt.» Dies sagt Cynthia Gwenzi, Genderbeauftragte bei der Platform for Youth Development im Osten Simbabwes.

Sind die Gesellschaften im südlichen Afrika also patriarchal geprägt? Die Antwort lautet: Ja, sowohl vorkolonial wie auch als Resultat der Kolonialgeschichte.

Unterdrückung der Frauen vorkolonial und kolonial

Der Afrikahistoriker Jeff Guy postulierte 1990, dass man «die Unterdrückung der Frauen in den vorkolonialen Gesellschaften im südlichen Afrika am besten verstehen kann, wenn man sich die Produktionssysteme dieser Zeit anschaut…diese Gesellschaften basierten auf der Aneignung der Arbeit der Frauen». Heute sind solche materialistischen Sichtweisen – obwohl nicht falsch – durch eine breitere Kulturgeschichte ergänzt worden, welche Frauen einen Platz als Handelnde zu allen Zeiten zurückgibt. Die Ikone dafür ist Nehanda Charwe Nyakasikana, die im ersten antikolonialen Kampf in Simbabwe eine mächtigen spirituelle Anführerin war.

Die Geschichte zeigt, dass die Kolonialzeit das patriarchale System massiv verstärkte. Ein Beispiel aus Simbabwe war das faktische Verbot für junge Frauen (ab 12 Jahren!) sich einer arrangierten Ehe zu entziehen. In der vorkolonialen Zeit hatten Frauen nämlich noch die Möglichkeit mit einem Liebhaber über alle Berge zu entlaufen und so zu einer Liebesheirat zu kommen, die nachträglich von den Familien regularisiert wurde. Das koloniale Ehegesetz aber schrieb fest, dass Heirat und Zusammenleben «immer» der Zustimmung des pater familias bedurfte.

Die Geschichte der kolonialen Rechtsprechung und Verwaltung und auch der christlichen Mission zeigt, dass die patriarchalen Vorstellungen der Kolonialherren und Missionare immer wieder zu einer Allianz mit besonders patriarchalen Interessen von Afrikanern führte. Zweifellos waren viele Missionsstationen ein Hort für junge Frauen, die sich aus beengenden Verhältnissen zu befreiend suchten. Allerdings kam diese Befreiung meist zum Preis der Unterordnung unter den Paternalismus der Missionsvorsteher.

Rassistische und patriarchale Auslegungen von «Traditionen»

Die simbabwische Sozialwissenschaftlerin Rekopantswe Mate schrieb kürzlich für die Zeitschrift afrika süd vom Gewohnheitsrecht als einer rassistisch und männlich voreingenommenen Version von Kultur und Tradition. Dieses Gewohnheitsrecht sei, so Mate, stabil, weil Religion, Bildungssystem und auch die Vorstellung von «Entwicklung» den Frauen auch heute eine emanzipierte Sicht auf die Geschichte erschweren.

So gehen Gewohnheitsrecht und moralische Verurteilungen oft Hand in Hand. Frauen, die sich der männlichen Kontrolle entziehen, spricht man bis heute die Ehrenhaftigkeit ab und bezeichnet sie oft als «Prostituierte». Schon der Wegzug in die Stadt untergrub die Ehrenhaftigkeit einer Frau. Frauen in der Stadt entwickelten darum neue Kodices der Ehrenhaftigkeit – wobei es wichtig bleibt, den Kontakt zur Familie auf dem Land weiter zu pflegen. Gerade dieses Beispiel zeigt gut, wie sich in der Kolonialzeit neue Formen patriarchaler Unterdrückung ebenso wie neue Formen der Geschlechteridentitäten, wie sie von Frauen gelebt werden, ergaben.

Kulturdebatte im Zeichen eines antifeministischen Backlash

Wer sich auf Kultur beruft, nutzt bis heute eine der bedeutsamsten Waffen in den Debatten rund um die Rechte der Frauen. NGOs, welche Frauenrechte vertreten, werden von vielen, nicht zuletzt der regierenden Partei, als eine Art trojanisches Pferd dargestellt, mit dem der Westen versuche, eine neoimperialistische Kontrolle über Simbabwe zu erhalten.

Feministinnen und ihre Organisationen betonen dagegen, dass Frauenrechte durchaus eine simbabwische Angelegenheit seien und betonen auch die Rolle dieser Rechte in den Kulturen Simbabwes. Sie bezeichnen zum Beispiel Kinderheiraten als «schädliche kulturelle Praktik»: nicht weil diese in den lokalen Kulturen unbedingt verwurzelt sind, sondern vielmehr weil die patriarchale Verdrehung der Kultur zu Auswüchsen führe und diese dann auch noch als «Traditionen» legitimiere.

Ein Beispiel dafür war 2006 die Einführung von Gesetzen gegen häusliche Gewalt. Letztlich setzten sich die Frauenministerin und die zivilgesellschaftlichen Organisationen durch. Die Debatte war allerdings hitzig und laut, gerade weil sich auch Oppositionspolitiker ins Lager der ablehnenden Männergilde stellten. Sie sagten, dass Frauen nicht gleich seien wie Männer und dass dieses «diabolische» Gesetz den traditionellen Status von Männern unterminiere. Dass sich der Staat in die privaten Belange von Männern einmische, verstosse gegen Kultur und Traditionen. Gehorsamkeit in der Ehe und züchtige Kleidung wurden als traditionelle Mechanismen gegen geschlechtsbasierte Gewalt propagiert.

Verpasster Aufbruch?

Dass sich solche kolonial überlagerten Argumentationsströme bis heute halten können, ist eigentlich erstaunlich. Denn in den 1970ern waren die jungen Frauen eingeladen worden, sich in neuen Rollen als Befreiungskämpferinnen im antikolonialen Krieg zu engagieren. Vielen taten das – und viele wurden enttäuscht. Wenn man diese Phase auch als eine erste Phase des Feminismus in Simbabwe bezeichnen kann, so muss man doch insgesamt von einem patriarchalen Backlash im Namen von Traditionalismus und Nationalismus sprechen.

Frauen machen Geschichte

Gibt es einen Weg aus diesem Backlash, der auf eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte verzichten könnte? Wie sonst verteidigt frau* sich gegen jene, die sich auf vermeintlich unerschütterliche Traditionen berufen und patriarchale Kultur als «echt afrikanisch» verteidigen? Mit welchem Bewusstsein liesse sich das Argument entkräften, dass der Einsatz für «Fairness und Gleichberechtigung … kulturfeindlich, unafrikanisch und damit subversiv» sei?

Rekonpatswe Mate verweist darauf, dass man vor allem die Veränderbarkeit der vorkolonialen Praktiken wieder ins Zentrum stellen müsse. Dass Kulturen und Traditionen Lösungen für Gemeinschaften bringen sollten und nicht darum existieren, damit es etwas gibt, was absolut und unveränderlich ist. Und sie betont, dass der Mangel an Reflektion über den Einfluss der Kolonialherrschaft schwer wiege. Darum sei ein direkter Rückgriff auf heute vermeintlich verbürgte vorkoloniale Modelle nicht sinnvoll. Insgesamt scheint Rekonpantswe Mate wenig Hoffnung zu haben, dass heute für eine solche historische Auseinandersetzung die Voraussetzungen und ein guter Raum bestehen.

Breitere Bündnisse für eine progressive Kultur

Die fepa Partnerorganisation Platform for Youth and Community Development, zu der auch Cynthia Gwenzi gehört, sieht das etwas positiver. Hoffnung könnte geben, dass die Debatte um Frauenrechte und Kultur das übliche binäre politische System in Simbabwe durchbricht. Was 2006 mit der Debatte um häusliche Gewalt begann, zeigt sich noch heute: PolitikerInnen aller Lager setzen sich öffentlich für Kampagnen gegen geschlechtsbasierte Gewalt ein. Das öffnet Möglichkeiten für zivilgesellschaftliches Engagement und Allianzen unter Frauen, in dem Diskussionen um progressive und emanzipatorische Elemente in den Traditionen möglich werden. Für Cynthia Gwenzi ist das einer der Hebel, um eine progressive Kultur zu erstreiten.

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Anhang: Aspekte historischer Geschlechterverhältnisse in Simbabwe, basierend auf Mate und anderen

Vorkoloniale Geschlechterverhältnisse

– Simbabwe ist ethnisch und kulturell vielfältig. Kulturelle Identitäten waren immer flüssig: gerade Frauen erwarben sich durch Heirat und Wegzug vielfältige Identitäten.

– Patriliniearität: bei den meisten ethnischen Gruppen verläuft die Gruppenzugehörigkeit, damit auch der Zugang zu Ressourcen oder die Vererbung in der Vaterlinie.

– Patriarchalisch: vorkoloniale Gesellschaften in Simbabwe waren männlich dominiert

– Frauen hatten einen niedrigeren Status. Grossfamilien verfügten über sie als Geschenke an Mächtige, als Schuldpfand oder als Ersatzfrauen. Frauen, die in privilegierte Verhältnisse geboren wurden, blieben eher geschützt.

– Die Ehe «war eine verwandtschaftliche motivierte und männlich dominierte soziale, wirtschaftliche und politische Allianz zwischen bzw. innerhalb von Verwandtschaftsgruppen». In anderen Worten: Die Ehe war nicht eine reine Liebesheirat, sondern sollte den Familien und Gemeinschaften dienen.

– Der «Brautpreis» war Ausdruck dieser wechselseitigen Beziehungen: Familien tauschten wertvolle produktive Gegenstände mit der Elternfamilie der Frau aus.

– Ehefrauen erhielten Zugang zu Land und konnten darauf ihre eigenen Einkünfte zur Ernährung der Familie erarbeiten. In der Shonakultur konnten sie die selbst erzielten Erträge auch vererben.

Christianisierung und Kolonialzeit

– Wirtschaftlich profitieren bis ca 1930 Frauen von neuen Möglichkeiten. Als die Kolonialwirtschaft dann vermehrt männliche Arbeitskräfte benötigte, stieg die Arbeitslast für Frauen stark an.

– Gleichzeitig etablierte sich ein koloniales Rechtsystem, das die Möglichkeiten der Frauen stark einschränkte. Man gab den Männern neue Möglichkeiten an die Hand, Frauen zu kontrollieren, wenn das half, die Kontrolle über die Männer zu wahren. Im Kontext eines dualen Rechtsystems verfestigte sich ein patriarchales «eingeborenes» Gewohnheitsrecht, das bis heute eine moralische Vorherrschaft beansprucht.

– Christliche Gemeinschaften boten neue Rollenmodelle und Weiblichkeiten, geprägt durch «Häuslichkeit». Sie propagierten männlich dominierte Formen der Landwirtschaft.

– Viele Aktivitäten von Frauen gingen verloren: in der vorkolonialen Zeit waren Frauen noch häufiger als Handwerkerinnen, als Heilkundige oder Hebammen, oder sie gingen auch mit Männern auf die Jagd. Viele dieser Gebiete wurde neu reguliert zum Nachteil afrikanischer Frauen.

– Der «Brautpreis» kam als eine Monetisierung der Ehe in eine pauschale Kritik. In der Praxis aber ist er bis heute die Voraussetzung für eine als respektabel angesehene Ehe.